Carlos Reygadas

«Persönlich ziehe ich es vor, Marcos und seiner Frau beim Sex zuzusehen, der offen, sinnlich und realistisch ist, als mir Tom Cruise oder einen anderen Star bei der Arbeit vorzustellen.»

Carlos Reygadas


Carlos Reygadas wurde 1971 in Mexiko geboren. Der studierte Jurist gab 2002 eine viel versprechende Karriere als Völkerrechtler auf, um sich dem Filmemachen zu widmen. «Battle in Heaven» ist sein zweiter Spielfilm, mit dem er eindrucksvoll unter Beweis stellt, einer der wagemutigsten und intellektuellsten Filmemacher Lateinamerikas zu sein.

Wie hat die mexikanische Gesellschaft die Charaktere beeinflußt?

Entführungen sind ein sehr alltägliches Phänomen in Mexiko. Das war der Ausgangspunkt, um von Dingen zu erzählen, die universeller sind. Marcos könnte genauso Deutscher oder Chinese sein. Der Film spielt in einem komplexen sozialen Kontext, aber er ist nicht politisch, weil er von dem Konflikt eines Menschen erzählt, der zwischen seinen Handlungen und seiner Natur hin- und hergerissen ist.

Warum entführt Marcos das Baby – aus existentieller Not?

Meine Absicht war, mit Hilfe dieser Entführungsgeschichte eine gewisse Komplexität des Lebens und unserer Wahlmöglichkeiten zu zeigen. Marcos ist nicht arm. Er hat ein Haus und eine Familie. Er entführt niemanden, um zu überleben. Aber die Entführung bietet ihm eine schnelle und einfache Möglichkeit, an Geld zu kommen, genug Geld, um sich ein Auto zu kaufen zum Beispiel. Er wählt ein Opfer aus seinem engen Bekanntenkreis, weil es leichter ist als einen Reichen zu entführen, der von Bodygards beschützt wird.

Beschreibt der Film damit eine moralische Verwahrlosung der Gesellschaft?

Auf den ersten Blick können die Charaktere in «Battle in Heaven» als unmoralisch erscheinen: Marcos Frau ist eine Kidnapperin, Anna verdient Geld in einem Bordell. Aber sie sind keine «verlorenen Seelen», denn in ihren Augen ist ihr Verhalten vollkommen normal. Auch Marcos glaubt normal zu sein, aber sein Natur ist anders, peinigt ihn heftig. Er fühlt sich nicht auf eine rationale Weise schuldig, sondern seine Eingeweide rebellieren gegen ihn: nicht sein Gewissen, sein Körper rebelliert gegen dieses Verbrechen.

Ist die Grenzüberschreitung und Provokation gewollt?

Wenn eine junge, schöne, reiche Frau (Anna) einem armen, älteren Mann (Marcos) einen bläst, kann das für einige Zuschauer wirklich verwirrend sein. Oberflächlich betrachtet ist der Schock ein ästhetischer, doch das Tabu geht tiefer. Hier geht es um soziale Unterschiede. Wäre der Mann ein reicher Drogendealer, wäre niemand geschockt, alle würden denken, das Mädchen ist eine Prostituierte. Provokation ist für mich kein Selbstzweck, aber sie setzt starke Gefühle beim Zuschauer frei.

Haben Sie diese ästhetischen Schockmomente gesucht, insbesondere in den Liebesszenen?

Nein, weil ich finde, die Körper meiner Schauspieler sind sehr schön. Wir sehen ihre dunkle Haut von Schweiß bedeckt, herrliche Kurven, liebenswürdige menschliche Körper. Ich zeige sie in einer offenen und respektvollen Weise.
Persönlich ziehe ich es vor, Marcos und seine Frau beim Sex zuzusehen, der offen, sinnlich und realistisch ist, als mir Tom Cruise oder einen anderen Star bei der Arbeit vorzustellen. Mein Ziel ist es nicht, die Zuschauer zu erregen oder zu schockieren. In diesen Szenen zum Beispiel, vermischen sich die Körper mit dem Licht und reflektieren die Fragilität ihres Ichs.
Auf der anderen Seite finde ich es absurd, einem Paar beim Sex zuzuschauen, bei dem die Bettlaken so sorgfältig arrangiert sind, daß sie ja die Brustwarzen und Genitalien verdecken. Ich will Sex so filmen, wie er im wirklichen Leben stattfindet. Dessen natürliche Schönheit gibt das Gefühl am ehesten wieder, das wir haben können, wenn wir Sex haben.

Ist Sex in einer elementaren Weise bezeichnend für Ihre Figuren?

Am Anfang und am Ende des Films ist der Sex mit dem Glauben verbunden. Die sexuelle Beziehung zwischen Marcos und seiner Frau ist ein Ausdruck der erotischen Liebe. Auf der anderen Seite wird der Sex zwischen Marcos und Anna zu einem Manipulationswerkzeug. Anna glaubt, daß sie Marcos' sexuelle Begierde kontrolliert, aber sie irrt sich. Ich glaube, was Marcos brauchte, war einfach jemand, der ihm zuhört.

Hat dieser stilisierte Blowjob am Anfang und Ende des Films eine metaphysische Dimension?

Ich wollte den Film mit einem Gesicht beginnen lassen, dieser Reflektion unseres inneren Selbst, der reinsten Form, um jemanden zu präsentieren. Um dann den Rahmen zu erweitern und in der gleichen Bewegung Stück für Stück eine Frau und einen Mann zu zeigen – so als würden sie das Menschsein repräsentieren. Der warme und intime Akt der oralen Befriedigung kann sehr filmisch sein. Ich versuchte, diese Szene so unpornographisch wie möglich zu drehen, weil ich den Zuschauer nicht erregen wollte. Ich wollte diese Fellatioszene auf eine so spezielle Weise zeigen, daß dieser intime Moment uns berührt.
Die erste Szene beinhaltet bereits das Hauptthema des Films: ein Mann und eine Frau berühren einander in einer ausgesprochen intimen Situation, aber sie können nicht miteinander kommunizieren. Es gibt eine unüberwindliche Distanz zwischen ihnen, die sie leiden läßt. Die Sexualität ist immer beides: fleischlich und metaphysisch, profan und heilig, oberflächlich und tiefgründig. Ich habe versucht, die orale Befriedigung als einen sexuellen Akt zu zeigen und als einen Akt des Glaubens.

Was bedeutet der Titel «Battle in Heaven»?

Darin liegt eine gewisse Ironie, denn Mexiko City ist sehr weit vom Himmel entfernt. Wie in «Japón» hat der Titel meines Films ein offenes Ende. Er könnte zum Beispiel Marcos Kampf in einer Stadt der gefallenen Engel meinen, oder den Kampf zwischen den griechischen Göttern, die um das Schicksal des Menschen ringen oder ... es gibt so viele Bedeutungen, wie es Zuschauer gibt.

Gibt es eine Hoffnung in Ihrem Film?

Das Ende ist paradox. Marcos Körper stirbt, aber es bleibt ein Mysterium. Ich denke der Film ist trotz seiner tragischen Geschichte optimistisch. Er ist durchdrungen von einer untergründigen Schönheit und von Marcos Wunsch, sich selbst bewußt zu werden und sich selbst besser und tiefer zu verstehen.

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